Andere Städte, andere Sitten

von Leichtmatrose Hannes | Montag, 12. März 2007, 19:40

Göttinger MarktplatzWas haben farbenblinde Menschen, Koffertrollis, konkurrenzvernichtende Eisdielen gemeinsam? Sie stehen alle in Göttingen. »Kommen Sie als Fußgänger an ein Rotlicht, so ist dieses konsequent zu ignorieren. Verlassen Sie sich dabei stets auf ihren Instinkt oder studieren Sie hier, um nicht Opfer eines tragischen Verkehrsunfalls zu werden«.

So oder ähnlich muss es in dem Willkommenschreiben für Hinzugezogene der schönen niedersächsischen, harznahen Stadt Göttingen heißen. Gibt es ein System nachdem Fußgänger die Straße betreten? Oder leiden die Bürger Göttingens unter einer schlimmen Seuche, welche eine Farbsehschwäche hervorruft? Es ist bei weitem nicht selbstverständlich, dass eine Straße bei Rotlicht überquert wird. Neinnein! Es kommt durchaus vor, dass man 15 Sekunden mit anderen Gehstarken an einer Ampel steht und urplötzlich die Straßenseite wechselt, ohne dass die Ampel sich auch nur ansatzweise in ihrer Farbpracht verändert hat.
Ohnehin scheint in der Stadt an der Leine eine Solidarität zu herrschen, von der sich manch Nachbarregion eine gute Scheibe abschneiden könnte. So ist es üblich, sich als Fußgänger durch die Vielzahl am Joggern und Fahrradfahrern einen Weg zu bahnen und nicht umgekehrt.
Hat man sich einmal einen Weg auf dem Stadtwall gebahnt und biegt man stadteinwärts, kommt man unweigerlich an einer Menschenschlange vorbei, die einen eine Freibierschänke vermuten lässt. Nein, es kommt besser. Es ist die offenbar einzige Eisdiele in Göttingen mit dem einmaligen Namen »da claudio». Aus Neugierde stellt man sich selbst an und schon nach dem ersten Eisschlecken erahnt man den Grund für die 30-40 Menschen in der Schlange. Zumindest nachdem da claudio geöffnet hat, wird es nicht mehr lange andere Eisdielen geben.
Hat man sich einmal entschieden in die fünftgrößte niedersächsische Stadt zu ziehen, wird man mitten mal mit bis dato völlig unbekannten Wohnungsauswahlkriterien konfrontiert. Achtete man bisher bei der Wohnungslage auf Wassernähe (in Göttingen eh aussichtslos), ferner Lage von Bahnhöfen und Autobahnen sowie gute Erreichbarkeit von Schnellrestaurants, so empfahlen uns unsere Gastgeber nie in die Goetheallee zu ziehen, weil einem hier wöchentlich, freitags rund 10.000 Studenten die Nerven strapazieren, die sich auf dem Weg von der Altstadt in Richtung Bahnhof befinden und einen penetranten Lärm mit dem tak-tak-tak-tak-tak-tak-tak-tak ihrer Koffertrollis auf den Gehwegplatten erzeugen. Die Revidierung des Mietvertrages steht spätestens dann eine gedankliche Rolle, wenn am folgenden Sonntag alle 10.000 Studenten von ihren heimatlichen Gefilden heimkehren und die Goetheallee erneut passieren. Tak-tak-tak-tak-tak… ihr wisst schon.

Der Ausflug war richtig, richtig schön. Man hätte sich wohl keinen schöneren Tag aussuchen können. Überall kamen die Menschen aus ihren Löchern, um zu joggen, zu klönen, Eis zu essen oder sich von ihrem Cabriot auszufahren zu lassen. Ich weiß nun, dass es besser ist, in der Mensa am Turm zu essen, anstatt in der »Z-Mensa», weil man sich nicht schon beim Treppensteigen entscheiden muss, welches Menü man wählt und dass auf dem »blauen Turm» eine WLAN-Antenne installiert ist, die das gesamte Göttinger Innenstadtgebiet mit Uni-Internet versorgt.

Wir kommen gerne wieder.

Foto: Wikipedia

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3 Antworten zu „Andere Städte, andere Sitten“

  1. feo schrieb

    am 12. März 2007 um 19:47:

    …das haben wir befürchtet…

    :o )

  2. Melchi schrieb

    am 21. März 2007 um 17:37:

    Schön wärs, wenn die antenne das schaffen würde :) auf dem rathaus steht noch eine und auch die schafft es nicht bis zu meiner wohnung..

  3. Leichtmatrose Hannes schrieb

    am 21. März 2007 um 17:52:

    Doofe Antenne! :-)

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