Dresden
| Montag, 9. April 2007, 17:42Ein (kleines) Stadtportrait.
Für den einen Leichtmatrosen ging es über die Ostertage in eine Stadt, von der er bisher nur Gutes gehört hatte, bislang aber selbst noch nicht das Vergnügen hatte, sie sich einmal anzusehen.
Das habe ich nun nachgeholt. Dresden, eine Stadt voller Geschichte und wenig Tradition beherbergt eine Vielzahl von Attraktionen, die man sich in drei Tagen nicht alle ansehen kann. Nicht einmal alle mir sehenswürdig erscheinenden Keiten konnte ich ansehen, mir aber immerhin einen Überblick verschaffen und auch in das eine oder andere Gebäude reingehen. Ich will weniger über die Sehenswürdigkeiten schreiben. Dazu gibt es massig Literatur und Historiker, die das viel besser können, als ich.
Ich wohnte die Tage in der Neustadt, also nordöstlich der Elbe. Diesen Stadtteil zeichnet die Dresdener Szene aus, was sich wiederum auf ein, zwei Straßen fokussiert. Läuft man tagsüber die Louisenstraße, Görlitzer Straße und wie sie alle heißen entlang, so findet man sich in einer völlig normalen Wohngegend wieder. Hier ein Friseur, da ein Bäcker, anderswo ein Fahrradladen. Doch wartet man oder kehrt zu den Abendstunden in die Straßen zurück, scheinen sie die Bürgersteige herunterzuklappen.
Auf einmal gehen die Lichter an und auf einmal öffnen die Kneipen, Bars und Restaurants. Den ersten Abend habe ich mit der Lotte (vielen Dank für die exklusive Stadtführung!) gemeinsam bei einem total hippen Mexikaner gegessen. Es war vorzüglich und günstig. Der Kellner bediente uns in herrlichstem Dresdener Akzent. Das fiel besonders auf, weil die meisten Menschen in Dresden gar keinen oder nur einen leichten Akzent haben. Konnte ich mich bislang über diesen Singsang eigentlich nur beömmeln, so war er in dieser Stadt Musik in meinen Ohren. Irgendwie gehört er hier her.
Den zweiten Abend suchte ich mir eine zweistöckige Bar mit Glasfassade aus, aus der ich das Treiben auf der Straße gut beobachten konnte. Noch nie habe ich unter den Menschen so viele Fahrradfahrer mit guten Mountainbikes gesehen – und das mitten in der Stadt! Auch war auffällig, dass sich die Milieus überhaupt nicht zu trennen schienen. Junge Hippies mit langen Haaren standen gemeinsam mit Anzugträgern auf der Straße um sich mit Radeberger zuzuprosten. (Apropos Radeberger: In Dresden bewahren die Obdachlosen immerhin soviel Stil, keine Aldiplörre aus PET-Flaschen zu trinken, sondern stehen zu ihrem guten Bier. Da gibts nur Radeberger
)
Schön anzusehen war auch, dass es viele (junge) Ausländer aus ganz Europa nach Dresden bewegt, um dort ihren Urlaub zu verbringen. Dieses Szeneviertel bringt wirklich alles und jeden zusammen. Milieus und Rassentrennung scheint es nicht zu geben. Daumen hoch!
Wirklich sehenswert ist das Hygienemuseum. Der Erfinder des Odol-Mundwassers, Karl August Lingner, gründete es 1912 als Lehrwerkstadt. Es ist weniger als Museum, als viel mehr eine Dauerausstellung zu verstehen. Es wird neben dem (damals revolutionären) gläsernen Menschen und vielen altmodischen medizinischen Geräten auch viele moderne Erkenntnisse über den Menschen ausgestellt. Es gibt zahlreiche “Mitmachstationen” und es wird an keiner Stelle langweilig. Gegliedert ist die Ausstellung nach Themen (Der gläserne Mensch, Leben und Sterben, Sexualität, Erinnern denken lernen usw.) und zu jedem Zeitpunkt absolut “state of the art”. In jedem Raum stehen Computer, über die man sich eingehender mit Themen beschäftigen kann.
In der Themenwelt “Schönheit, Haut und Haar” konnte ich das Ergebnis einer mikroskopischen Aufnahme eines Haares von mir sogar an eine beliebige E-Mailadresse versenden. Top!
Cool fand ich auch in “Leben Und Sterben” sich künstlich altern zu lassen. Wie hören eigentlich alte Menschen? Oder wie sehen sie? Wie fühlt es sich an, wenn sie laufen? Verwandelt man sich komplett in einen alten Menschen, findet man sich auf einmal mit zwei Bechern auf den Ohren (schlechtes Gehör), einer Brille mit Saugnäpfen auf der Nase (grauer Star), den ganzen Körper durch eine Sprossenleiter gefädelt (ungerader Gang) und auf zwei Besen laufend (weiche Knie) wieder. Neben dem urkomischen Bild, eine interessante Erfahrung.
Sehr fortschrittlich ebenfalls: Die Eintrittskarte gilt für alle Ausstellungen im Hause und an zwei aufeinander folgenden Tagen. Der Preis von 6 bzw. 3 Euro geht da absolut klar.
Alles in allem war Dresden eine Reise wert und ich werde sicherlich wiederkommen. Wer mag, schaut sich ein paar Fotos bei Flickr an.
Mehr zu diesem Thema im BRANDUNGSKIEKER
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Lotte schrieb
am 9. April 2007 um 20:56:
Buchungen für die Lotten-Stadtführung nehme ich gern entgegen. Insider-Tipps kosten nichts
Attraktive Matrosen und humorvolle, große Männer werden in der Terminplaung bevorzugt.
Als Ausgangspunkt schlage ich den Albertplatz vor, der ist einfach zu finden, wenn man denn weiß wo er ist. ;-p Verspätungen im akademischen Viertel werden nicht geahndet und es wird hochdeutsch gesprochen.
Leichtmatrose Hannes schrieb
am 9. April 2007 um 21:50:
*erröt*
Also, ich kann mir keine bessere Stadtführerin, Unterhalterin und Gesprächspartnerin vorstellen. Fazit: Absolut empfehlenswert! Und dazu auch noch kostenlos. Da konnte ich nicht einmal mit meinem Schülerausweis sparen 
Ich werde gewiss wieder darauf zurück kommen und biete meine Dienste für das nicht ganz so schöne aber ebenfalls interessante Hannover (oder wahlweise Lüneburg, Lübeck) an!
Störgröße schrieb
am 11. April 2007 um 19:42:
Ich habe mal für ein paar Monate in Dresden gewohnt. Beruflich. Ich fand Dresden total cool. Und auch das Hygienemuseum ist mir in guter Erinnerung. Das ist wirklich absolut sehenswert.
Lotte in Love » So war Ostern 2007 schrieb
am 12. April 2007 um 21:11:
[...] typischen Aprilwetter, Matrosenbesuch in Sachsen inkl. Frauenkirchen-Besteigung, Familenausflug auf Schaufelraddampfer mit Grog-Besäufnis, Versuch [...]