Mythos Germania
| Donnerstag, 26. Juni 2008, 13:25Schon immer, wenn ich in Berlin über die A100 in Richtung Westen unterwegs war, faszinierte mich der mysteriös still daliegende Flughafen Berlin-Tempelhof. Mehr noch, wenn man die B96/Mehringdamm unterwegs ist und man beim Blick aus dem Seitenfenster feststellt, dass für rund 3 Minuten Fahrzeit ein und das selbe Gebäude direkt neben einem auftaucht – es scheint schier unendlich groß zu sein. Es wirkt regelrecht beängstigend. Was ist also dran an diesem Tempelhof? Wir gingen auf Recherche und er ist wirklich mysteriös.
An einem Sonntag im April kam die Lotte auf die geniale Idee eine Stadtführung durch Berlin zu machen. So richtig mit Guide und Sightseeing. Treffpunkt für die Stadtführung war allerdings nicht das Brandenburger Tor, sondern das sowjetische Kriegsmahnmal an der Straße des 17. Junis. Schon der Treffpunkt lässt auf eine unkonventionelle Stadtführung schließen. Richtig. Die Führung lief unter dem Titel “Welthauptstadt Germania – Nationalsozialistischer Größenwahn bis zum Untergang 1945. Der Guide wusste von beeindruckenden Details zu erzählen. Zum Beispiel existieren an der Straße des 17. Juni zwei Bordsteine auf der Nordseite, die ins nichts führen – oder besser in den Tiergarten. Sie verschwinden dann im Boden und dennoch könnte man meinen, hier beginne eine Straße. Eigenartiger Weise liegen diese Bordsteine nur ca. 100 Meter auseinander. Eine Straße mit 100 Meter Breite? Unvorstellbar. Dich in der Tat – diese Relikte sind die Grundsteine der von Albert Speer geplanten Nord-Süd-Trasse quer durch Berlin; ein Aufmarschplatz für die Nazis. Ohne auch nur wirklich einen Bauplan gesehen zu haben, wird einem an dieser Stelle der bauliche Größenwahn der Nazis im dritten Reich schlagartig bewusst.
Germania. So sollte Berlin nach Eroberung des neuen Reichs heißen und eine repräsentative Großstadt in bis dahin unbekannten Dimensionen darstellen. Hierzu wurde allerhand architektonisches in Berlin entworfen. Größtenteils ohne Rücksicht auf Verlusste (von z.B. Friedhöfen, die kurzerhand verlegt wurden). Das wohl aberwitzigste geplante Bauwerk war die so genannte Große Halle. “Das Gebäude sollte aus Granit und Marmor errichtet werden und aus einem nahezu quadratischen 315 × 315 Meter breiten und 74 Meter hohen Unterbau sowie einer sich darüber erhebenden Kuppel bestehen. Diese hätte 98 Meter über dem Erdboden ansetzen und einen Grunddurchmesser von 250 Metern haben sollen. Sie wäre die mit Abstand größte Kuppel der Welt geworden.” (Quelle: Wikipedia). In der Halle hätten ca 180.000 Menschen Platz gefunden. Das Bauwerk hätte an der Stelle des heutigen Bundeskanzleramtes und Spreebogenparkes gestanden. Zu dieser Gigantomanie ist es nie gekommen. (Modellfotos 1 und 2 mit freundlicher Genehmigung von RAFIK)
Wozu es allerdings gekommen ist, ist der Ausbau des Tempelhofer Flughafens. Albert Speer beauftragte Ernst Sagebiel mit dem Bau des damals größten Gebäudes der Welt. Oberstes Ziel war natürlich wieder der repräsentative Faktor. So viel Platz, wie der Flughafen bietet, hätte man (auch heute) niemals für Verwaltung, Büros o.ä. nutzen können. Das Gebäude wurde innen nie wirklich fertig gestellt. Was fertig ist, sind die Eingangshalle, die Abfertigungshalle und einige repräsentative Räume in den oberen Stockwerken (ein Ballsaal und eine Art Luxusrestaurant). Das gewaltige freitragende Dach diente als Versammlungsplattform für ca. 150.000 Menschen für den Fall, dass der Führer von der Fläche des des Rollfeldes aus zu seinem Volke sprechen möchte. Aus diesem Grunde wurde das Dach auch stufenartig gebaut, damit man bequem stehen konnte. Die Konstruktion ist so stabil, dass sie vermutlich die doppelte Anzahl Menschen getragen hätte.
Zum Ende des dritten Reiches besetzten die Amerikaner den Flughafen und funktionierten die Räumlichkeiten zu Ausbildungsstätten für ihre Militärs um. Der Ballsaal wurde zur Sporthalle. Läuft man heute durch die Katakomben des Gebäudes, findet man an allen Ecken Überbleibsel aus Kriegstagen und Kämpfen bei der Übernahme durch die Sowjets und Amerikaner. So z.B. der mysteriöse Brand in einigen Kellerräumen, in denen angeblich wichtiges Film- und Videomatrial lagerte. Man weiß bis heute nicht, was auf den unzähligen Bändern gespeichert war. Die ausgebrannten Räume sind übrigens unverändert und betretbar.
Bis vor wenigen Jahren waren die Amerikaner noch in Tempelhof aktiv. Mittlerweile werden die Räumlichkeiten von der DEKRA zu Ausbildungszwecken genutzt. Der Flughafenbetrieb steht noch. Was in Zukunft mit dem Gebäude passieren wird ist unklar. Die Diskussion um Tempelhof hat in Berlin jüngst zu einer Volksabstimmung geführt – bislang aber ohne konkretes Ergebnis. Wenn man aber die Möglichkeit hat, sollte man möglichst bald eine Führung durch Tempelhof machen, solange das Gelände noch “unberührt” ist. Spätestens nach so einer Führung überlegt man ernsthaft, ob es wirklich sinnvoll wäre, aus dem Gelände eine Spaß- und Familienstadt zu machen.
In dem Rahmen übrigens hoch interessant ist die noch bis 31.12.2008 stattfindende Ausstellung Mythos Germania nahe dem “Judendenkmal” in Berlin.
Weiterführende Links:
- Fotos bei flickr
- einestages-Artikel “Die Mutter aller Flughäfen”
- einestages-Artikel “Was von Germania übrig blieb”
- Stadtführung Welthauptstadt Germania
Mehr zu diesem Thema im BRANDUNGSKIEKER
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AHP schrieb
am 22. Dezember 2009 um 08:20:
Hallo, die Eingangshalle des Flughafens Tempelhof wurde nie vollendet. Nur auf Bildern ist zu erkennen wie es hätte mal aussehen solle. Nachdem Krieg hat man eine Decke eingzogen, die einen völlig anderen Raumeindruch erzeugt.
http://www.hangar2.de/dateien/content1/1210069956.pdf
MfG AHP